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Markenversessenheit
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RATGEBER
Redaktion - 16. Dezember 2020 - 4x4 Allrad RATGEBER

Markenversessenheit

Ein Nomen, das bei den Autokäufern der ganzen Welt wohl zutrifft. Wer es sich leisten kann – ob über Finanzierung, Leasing oder Einmal-Kauf – schafft sich doch heutzutage ein Modell der Top-Marken wie Mercedes Benz, BMW oder VW an. Am besten noch möglichst groß, schwer und mit einer völlig unnötigen aber spaßigen Zahl an PS.

Im Innern – oder wie Auto-Enthusiasten sagen: das Interieur – sieht es dann noch zusätzlich geradezu grotesk luxuriös aus. Schon bei Modellen für den kleineren Geldbeutel wird mit hochwertigem Holz, Carbon-Veredelungen und tausenden Knöpfen am Lenkrad gearbeitet. Dazu dann noch zwei bis drei absurd große Bildschirme und Lautsprecher, wie sie eigentlich in Festhallen stehen.

Es kommt einem vor man fahre einen Fernseher samt Holzausstattung, Gaspedal und riesigen Boxen. Am Ende des Tages macht es ja auch schlicht Spaß damit herumzufahren.
Was weniger Spaß macht, ist das Bezahlen. Denn bei der Oberklasse und Luxusklasse – in welchen sich diese Wagen bewegen – reden wir nicht von zwanzig oder dreißig Tausend Euro. Nein, es geht um Beträge nahe der Sechsstelligkeit, die so manchem Interessierten erst einmal den Traum vom Lieblingswagen zerplatzen lassen.

Was dann aber erst in solchen Momenten auffällt und davor völlig außer Acht gelassen wird:
Es gibt so unglaublich gute Autos, die vielleicht als einzigen Makel einen etwas kleineren Bildschirm haben, die ebenso viel Freude bereiten.
So beispielsweise der neue Hyundai Santa Fe. Mit tollem bis luxuriösem Interieur, genügend PS und auf Wunsch sogar fortschrittlichster Technik kommt dieser da einfach mal so um die Ecke gefahren und macht den Boliden der alt eingesessenen Marktführer ziemliche Konkurrenz. Und das nicht, weil sie so tun als wären sie besser oder luxuriöser oder schneller als die Traditionshelden. Nein, weil sie ihrer Linie traue bleiben und schlichtweg „sehr gute“ Autos bauen. Wobei „sehr gut“ hier in seiner ureigentlichen Form zu gebrauchen ist.

Genauso viel Komfort, genauso schnell – nur eben ein geringerer Preis, weil statt einem blau-weiß-schwarzen Kreis oder Stern eben ein „H“ auf dem Kühlergrill Platz genommen hat.
Ähnlich die französische Marke „DS“, die auf der Basis von Peugeot ihre Schmuckstücke aufbaut. Mit immer zukunftsorientierteren Technologien und besseren Designs – beziehungsweise sportlicheren Designs – setzen diese „kleineren“ Hersteller immer mehr den Standard und den Preis immer weiter unten. So werden also ehemals sehr luxuriöse Ausstattungen plötzlich erschwinglich. Und auf diesen Gebieten die „Großen“ irgendwie auch abgehängt.

Die Technologie

Darauf liegt wohl immer mehr der Fokus. Wenn auch Autokäufe im Allgemeinen zurückgehen, können weiterhin Käufer über attraktive Angebote, Google Adwords oder Social Media gewonnen werden. Dabei setzen viele Hersteller auf Präsenz im Internet – weg von der klassischen Werbung über Plakate und Co, weg von Werbung im Radio. Backlinks, um die eigene Website auf Platz eins bei Google zu sehen oder auch Anzeigen in den einschlägigen Kanälen wie Instagram, Facebook und TikTok gehören nunmehr zum Alltag des Werbens um das Automobil an den Mann oder die Frau zu bringen.
Doch wir schweifen ab.

Denn auch, wenn die Autokäufe im Allgemeinen zurückgehen locken jetzt deswegen eben auch mehr als attraktive Angebote die potenziellen Kunden die Autohäuser aller Marken. Obwohl günstigere Marken jetzt noch mehr Aufschwung bekommen, durch die besser zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der Bevölkerung passenden Preise.
Das Pferd, auf das nun alle setzen und auch setzen sollte, heißt jetzt allerdings Technologie. Nicht mehr nur das Aussehen ist bei den Automobilen entscheidend.
Immer mehr Menschen interessieren sich auch für Antriebsarten, Verbrauch und Umweltverträglichkeit. Übrigens alles wegen besagter Umwelt – was ja auch sehr vernünftig ist.
So hat sich die Zahl der Menschen, die Elektroautos fahren – was als neue Technologie wohl am meisten en vogue ist – verdoppelt.

Was dazu zusätzlich einen Beitrag leistet, ist natürlich die E-Mobilität-Prämie, die kurz „nach“ (dem schwächer werden) der weltweiten Corona-Pandemie angehoben wurde. Auch deswegen bringen wohl immer mehr Hersteller Hybride, Plug-in-Hybride, reine E-Autos und sogar Wasserstoff betriebene Automobile auf den Markt.
Und überraschender Weise sind auf diesem Markt die Newcomer und als weniger luxuriös angesehenen Marken die Führenden – obwohl die alt eingesessenen Marktführer mehr Budget für die Entwicklung haben müssten.

Was bei einer solchen Betrachtung aber oft außer Acht gelassen wird: Die für uns „kleinen“ Marken sind häufig asiatische Hersteller, die in ihrem Heimatland unglaublichen Erfolg haben und nur zu uns teilweise doch etwas versnobten Europäern expandiert haben, um mehr Umsatz generieren zu können. Mit offenen Armen wurden sie nicht empfangen, dafür haben sie sich ihren Platz hart erarbeitet. Und es ist wohl zu erwarten – für manche eine freudige Nachricht, für wieder andere eher ein herber Rückschlag – dass diese Emporkömmlinge auch weiterhin versuchen werden, den großen Marken Konkurrenz zu machen und mit immer neuer Technologie den Markt zu erobern. So sind sehr viele der neu gekauften Elektroautos eben keine BMWs, Mercedes oder Bentleys, sondern Hyundais, Toyotas und Hondas.

Sich nur auf die – noch – bekannten Marktführer zu konzentrieren beim Autokauf mag für den einen eine Sache des Prinzips sein; unvernünftig ist es dann aber doch auch.

Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto RATGEBER wurde von Redaktion am 16.12.2020 veröffentlicht.