Michael Kirchberger - 30. Juni 2017, 10:36 Uhr - 4x4 Allrad RATGEBER
Unfallforschung bei Daimler: Unterwegs im Dienst der Sicherheit
Wer an einen Mercedes denkt, sieht einen Stern. Oder besser gleich fünf. Denn die heiß begehrte Höchst-Auszeichnung beim NCAP-Crash-Test gehört für alle Limousinen-Baureihen der Stuttgarter mittlerweile zur Serienausstattung. Unter anderem ein Verdienst der aufwendigen Unfallforschung der Marke.
Automarken wecken Assoziationen. Wer an einen Smart denkt, dem erscheint unweigerlich ein Kleinstwagen vor dem geistigen Auge, der clever die kleinste Parklücke nutzt. Wer an einen Mercedes denkt, sieht einen Stern. Oder besser gleich fünf. Denn die heiß begehrte Höchst-Auszeichnung beim NCAP-Crash-Test gehört für alle Limousinen-Baureihen der Stuttgarter mittlerweile zur Serienausstattung.
"Die Sicherheitsforschung wird bei Mercedes-Benz seit nun mehr als 75 Jahren intensiv und professionell vorangetrieben. Begonnen hat alles 1939 mit dem Begründer der passiven Sicherheit Béla Barényi. Er ist der Vater der überlebenswichtigen Knautschzone in Kombination mit gestaltfester Fahrgastzelle", sagt Professor Rodolfo Schöneburg, Sicherheits-Experte bei Mercedes-Benz. Das Erbe Barényis wird sorgsam gepflegt. Neben den rund 15.000 computeranimierten Crashs werden rund 150 reale Aufprallunfälle mit echten Automobilen gefahren, bevor eine neue Baureihe in Serie geht. "Es sind über 30 verschiedene Aufprallkonfigurationen für Ratings und die weltweite Zulassung eines Fahrzeugs notwendig. Zudem muss ein Mercedes besonders anspruchsvolle interne Crashversuche durchlaufen, die wir ergänzend durchführen, etwa den Dachfalltest", so Professor Schöneburg.
Doch damit endet die Arbeit der Sicherheitswächter bei Daimler noch lange nicht. "Unfallforschung" heißt das Fachgebiet, das auch nach dem Serienstart aktuellen Unfallursachen und Auswirkungen auf den Grund geht. Hierzu stehen die Mitarbeiter in engem Kontakt mit den Dienststellen der Polizei, die ihnen jeden Unfall melden, in den ein Mercedes-Benz oder Smart verwickelt war. In Zweierteams rücken sie dann aus und nehmen den Unfallwagen unter die Lupe.
Dabei werden nicht nur die Fragen des Unfallhergangs beantwortet, sondern auch der Einsatz der Technik begutachtet. Haben alle relevanten Assistenzsysteme einwandfrei gearbeitet? Hat sich die Karosserie-Struktur wie geplant verformt, um Aufprallenergie zu absorbieren? Und, falls es dazu kam, welche Verletzungen haben die Insassen davongetragen? Hierzu wird das Unfallfahrzeug vermessen, ein Laser-Scanner leistet hierbei wichtige Hilfe. Ergänzend arbeiten die Unfallforscher einen Fragenkatalog in ihrem Tablet-Computer ab. Akribisch gehen sie durch die Listen und halten jedes erdenkliche Detail fest. 4.000 Einzelpositionen müssen sie abarbeiten. Zuletzt werden die Datenspeicher des Fahrzeugs ausgelesen und mit den Ergebnissen der Ermittlungen abgeglichen. Genauer geht es nicht.
Aus dieser perfekten Datensammlung leiten die Unfallforscher Verbesserungsmöglichkeiten ab. Hilfreich sind dabei besondere Unfallmuster und Ähnlichkeiten, die auf Schwachstellen hinweisen. Gemeinsam mit den Spezialisten der Crash-Simulation und den Entwicklungsabteilungen werden die gewonnenen Erkenntnisse konstruktiv umgesetzt und fließen dann in die laufende Serienfertigung ein. Als Beispiel für eine dieser Maßnahmen sei der Standard angeführt, dass bei einem Mercedes nach einem Unfall mit Airbag-Auslösung die vorderen Seitenscheiben automatisch einen Spaltbreit öffnen. Dadurch können die partikelartigen Rückstände des Airbag-Füllgases schneller abziehen. Denn der Airbag ist keine geschlossene Blase sondern erlaubt dem Füllgas durch eine exakt berechnete Wabenstruktur das kontrollierte Entweichen, was die Schutzwirkung des Luftsacks wesentlich erhöht.
Bereits 1969 hat Mercedes-Benz die Zusammenarbeit bei der Unfallforschung mit den Behörden in Baden-Württemberg vereinbart, in jeder Dienststelle hängt die Rufnummer der mobilen Ermittlungstruppe am Pinboard. Mittlerweile haben die Forschungsteams mehr als 4.500 Fälle im Dienste der Sicherheit untersucht. Mit Erfolg - der Fahrer eines Mercedes-Benz CLS, den ein entgegenkommender, sechs Tonnen wiegender Traktor längs übers Dach überrollte und danach umkippte, kam anders als der Traktorlenker ohne Verletzungen davon. Erklärtes Ziel der Unfallforscher ist es, die Zahl der Verletzungen oder gar Toten bei Autounfällen weiter zu minimieren. Die Statistik zeigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind.
Michael Kirchberger / mid
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