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Lars Döhmann - 6. Juli 2016, 18:05 Uhr - 4x4 Allrad NEWS

Schnell geschaltet: Seriengetriebe für Rennwagen

Ein sehr erfolgversprechendes Renngetriebe haben die Spezialisten von ZF aus dem bekannten 8HP Automatikgetriebe entwickelt. Elektronische und mechanische Modifikationen machen es im Vergleich zur Serienanwendung nicht nur leichter und schneller, sondern sogar belastbarer.


Meist wird unter den harten Bedingungen des Motorsports etwas erprobt, das dann abgewandelt auch den Weg in die Serie findet. Bei ZF ging es jetzt auch einmal andersherum. Das in der Serie vielfach bewährte 8HP-Automatikgetriebe verwandelten die Zahnradexperten zum Renngetriebe 8P45R weiter. Es bietet die wesentlichen Vorteile eines Achtgang-Automatikgetriebes, wurde aber durch gezielte Veränderungen schneller, leichter und belastbarer.

Ob im Alltag oder auf der Rennstrecke, die Vorteile eines elektronisch gesteuerten Planetengetriebes sind einfach zu erkennen: Während bei der konventionellen Handschaltung mit Kupplung nicht nur der Komfort eingeschränkt ist, überzeugt die Automatik auch damit, dass es keine Zugkraftunterbrechung gibt. Das fördert die Dynamik und kann die Rundenzeiten verkürzen. Vorteilhaft ist zudem die Mehrfachnutzung von Planetenradsätzen und Schaltelementen. Dadurch kann das automatische Getriebe kompakter und leichter als andere Getriebebauarten sein. Mindestens ebenso wichtig ist der Vorteil, dass Fehlbedienungen ausgeschlossen sind: Ein Verschalten und damit mögliches Überdrehen des Motors mit teuren Folgeschäden ist ausgeschlossen. Damit nicht genug: Der Pilot kann immer beide Hände am Lenkrad behalten, weil die Gangwechsel mit Paddles erfolgen.

Alles unter Kontrolle heißt es beim Renngetriebe 8P45R auch deshalb, weil es auf dem millionenfach bewährten Serienbauteil abgeleitet ist. Schon diese Basis hat über 22.000 Rennkilometer auf der Nordschleife des Nürburgrings auf dem Buckel - und das ohne jeglichen Ausfall. "Nach neun Monaten Entwicklungszeit wurde dann im Herbst 2015 der erste 8P45R-Prototyp bei einem Lauf zur VLN-Langstreckenmeisterschaft erfolgreich eingesetzt", berichtet Marc Seeberger, Projektleiter Vorausentwicklung Antriebsstrang bei ZF in Friedrichshafen.

Anders als das Seriengetriebe kommt die Rennversion ohne hydraulischen Drehmomentwandler und Überbrückungskupplung aus. Das spart rund zwölf Prozent Gewicht und reduziert die Massenträgheit. Die beim Anfahren benötigte Lamellenbremse läuft im Ölbad, sie packt härter zu als bei dem Serienbauteil. Die Drehzahl fällt beim Gangwechsel nur minimal ab. Mechanisch gegenüber der Serie unverändert, können so 500 Nm Drehmoment aufgenommen werden - im Vergleich zu 450 Nm beim Seriengetriebe. Kleinere Gangsprünge sorgen für bessere Anschlüsse im Rennbetrieb, und die Übersetzungen der siebten und achten Stufe sind über veränderte Planetenradsätze und eine adaptierte Hinterachsübersetzung kürzer und damit im Rennbetrieb besser nutzbar. Statt rechnerischer 425 km/h liegt die Höchstgeschwindigkeit nun bei 320 km/h.

"Über verkürzte Schaltzeiten beim Wechsel in höhere und niedrigere Stufen nähert sich das 8P45R dem Niveau sequentieller Renngetriebe an", erklärt Peter Leipold, Projektleiter Antriebsstrang der ZF Race Engineering in Schweinfurt. "Damit sinkt auch die Belastung der Schaltelemente massiv ab, weshalb wir viele Serienbauteile einsetzen können." Softwaremaßnahmen helfen bei der Verkürzung der Schaltzeiten und runden die Entwicklung ab.

Für ZF erweist sich das unkonventionelle Projekt schon jetzt als großer Erfolg. Es erfüllt die Anforderungen der Kunden ebenso wie werksinterne Bedingungen bei ZF. "Aufgrund des großen Interesses könnte sich das Renngetriebe schon bald in weiteren Rennfahrzeugen wiederfinden", sagt Norbert Odenthal, Geschäftsführer der ZF Race Engineering GmbH, und blickt positiv in die Zukunft.

Lars Döhmann

Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto NEWS wurde von Lars Döhmann am 06.07.2016, 18:05 Uhr veröffentlicht.