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Klaus Brieter - 28. Oktober 2015, 14:21 Uhr - 4x4 Allrad NEWS

Mit Nexteer um die Ecke

Ein amerikanischer Lenkungshersteller tritt aus der Anonymität und präsentiert, was er so drauf hat. Dabei ist Nexteer Automotive absolut kein Newcomer, denn die Wurzeln reichen über 100 Jahre zurück.

Immer das gleiche Problem: Viele Zulieferer der Autoindustrie entwickeln und bauen komplexe Systeme für Fahrzeuge, bleiben jedoch für den Endkunden unbekannt. Nur wenige Namen, wie zum Beispiel Bosch, Continental, Hella oder ZF sind allgemeinen ein Begriff für Autobesitzer. Jetzt hat Nexteer Automotive, ein Hersteller von Lenkungs- und Antriebssystemen, für Fachjournalisten in einer seiner polnischen Fertigungsstätten die Tore geöffnet und gezeigt, was er auf der Pfanne hat.

Nexteer ist absolut kein Newcomer, denn die Wurzeln reichen über 100 Jahre zurück. Das 1906 als Jackson, Church & Wilcox Co gegründete Unternehmen gehörte über einen sehr langen Zeitraum zur Familie des General Motors Konzerns und agiert seit 2010 als selbstständiger, weltweit agierender Hersteller. Bislang wurden über 30 Millionen Lenkungen ausgeliefert. Die Liste der Kunden umfasst global über 50 Fahrzeughersteller. In Europa wird in Modellen der BMW Group (Mini, BMW i3, BMW 2er Active Tourer), FCA (Fiat Panda, 500, Grande Punto, Doblò, Lancia Ypsilon, Alfa Romeo MiTo), Opel (Adam, Corsa, Insignia), Ford (Ka und Mustang) und PSA (Citroen C3, DS3) mit Nexteer gelenkt. Weitere Großserienhersteller stehen laut Angeben der Firmenmanager bereits vor der Tür.

Auch die Lage der um den Globus verstreuten Fertigungsstätten in Nord- und Südamerika, Asien und Europa unterstreicht die Internationalität des Lenkungsspezialisten. Möglichst nah am Kunden, so die Devise von Nexteer. Deswegen wundert es auch nicht, dass die Lenkungen für die Europäer aus zwei Produktionsstandorten Polen (Tychy/Tichau und Gliwice/Gleiwitz) stammen. Das Werk in Tychy wird gerade erweitert, die Eröffnung ist für das erste Quartal 2016 projektiert.

Obwohl Nexteer Lenksysteme im Portfolio hat, die mit hydraulischer und elektrischer Unterstützung arbeiten, ist man auf die neuen EPS-Lösungen (Electrical Power Steering) besonders stolz. Die elektromechanischen Servolenkungen mit elektronischer Steuerung werden die hydraulischen Servo-Systeme nach und nach verdrängen. Diese moderne Art der Lenkunterstützung ist ohnehin eine Schlüsseltechnik für die wachsende Zahl von Fahrerassistenzsystemen. Und gibt so auch einen Ausblick auf die Zukunft des autonomen Fahrens. Hier leistet die Lenkung einen wesentlichen Beitrag, um die Fahrsicherheit zu erhöhen. Außerdem spüren die Autokäufer den Nutzen schon jetzt im Geldbeutel, da die elektromechanische Lenkung gegenüber der hydraulisch unterstützen bis zu sechs Prozent Einsparung beim Kraftstoffkonsum beschert. Zudem ergeben sich niedrigere Kosten durch kürzere Entwicklungszeiten beim Ausloten der Fahrcharakteristik sowie beim Einbau ins Fahrzeug.

Nexteer ließ die wenigen Fachjournalisten, die das Werk in Tychy bei Kattowitz besuchten, sehr tief in die Produktion und das Qualitätsmanagement sehen. Wohl kein Risiko für das Unternehmen, das neben weiteren Auszeichnungen auch den renommierten Preis "GM Europa SQ Excellence Award 2014" abgeräumt hat. Mit diesem "Industrie-Oscar" werden Zulieferer geehrt, die sich durch eine hohe Produktqualität mit geringer Reklamationsquote auszeichnen.

Wir trafen in Polen Frank Einig, der seit 2013 in seinem Münchner Büro die Kontakte zur BMW Group hält, die seitdem ein wichtiger Kunde ist. Stolz berichtet er, dass BMW pro Tag inzwischen 2.500 bis 2.600 Lenkungen von Nexteer bezieht. Tendenz steigend, da künftig weitere Modelle auf der BMW-Frontantriebsplattform geplant sind - wie zum Beispiel die nächste Generation der Einser-Reihe. Auf die Frage, warum sich BMW für die etwas teurere Lösung entschieden hat, bei der die wesentlichen Bauteile der Lenkunterstützung nicht weit oben an der Lenksäule sondern "im Keller" am Lenkgetriebe positioniert sind, muss Frank Einig nicht lang nachdenken.

BMW hat einen sportlichen Anspruch, der sich im Lenkverhalten und der Rückkoppelung für den Fahrer über das Lenkrad ausdrückt. Das war nur mit der "Pinion Lenkung" möglich, die direkt auf die Ritzelwelle einwirkt. Frank Einig sieht bei den unterschiedlichen elektromechanischen Lösungen ganz allgemein das größte Potenzial für die Weiterentwicklung darin, dass der Fahrer trotz Lenkunterstützung das perfekte "Lenkradfeeling" erleben könne. Das Auto müsse über diese Schnittstelle zum Fahrer präzise mitteilen, ob es gerade auf trockener und griffiger Straße oder auf herbstlichem Laub oder gar auf vereister Fahrbahn unterwegs ist. Nexteer sei da bereits auf einem sehr hohen Niveau angekommen, sodass weiteren Herstellern der Wechsel zur EPS leicht falle.

Auch wenn es auch künftig wohl kein Auto geben wird, auf dem ein Hinweis prangt, welche Lenkung sich unter der Fronthaube verbirgt - und damit die Anonymität des Zulieferers für die Öffentlichkeit eher gewahrt bleibt - hat Frank Einig nicht nur seinen Kunden BMW sondern auch den Endverbraucher im Blick. Seine Botschaft für den Autokäufer: "Der Preis bei Anschaffung und Betrieb muss weiter sinken, außerdem soll der Kunde Spaß am Autofahren haben."

Klaus Brieter

Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto NEWS wurde von Klaus Brieter am 28.10.2015, 14:21 Uhr veröffentlicht.