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Wolfgang Peters (vm) - 19. Oktober 2015, 17:22 Uhr - 4x4 Allrad NEWS

Der mid-Kommentar: Der Winterkorn-Abschied

Martin Winterkorn kehrt dem gesamten VW-Konzern Schritt für Schritt den Rücken. Verlassen wird er ihn in seinem Inneren niemals. Der mid-Kommentar beleuchtet die Leistungen des ehemaligen Konzern-Lenkers und beschäftigt sich mit den Lehren aus dem Abgas-Skandal.

Jeder Rücktritt ist ein Schritt nach vorn: Martin Winterkorn verlässt den Konzern, der sein Leben war, als ein Mann, der sich keiner Schuld bewusst ist. Dass er als Chef, als scheinbar unermüdlicher Top-Techniker und als ein von der Qualität des VW-Konzerns besessener und aufrechter Streiter für das Gütesiegel "Made in Germany" vom Abgas-Skandal hätte wissen müssen, ist ihm wohl bewusst. Wahrscheinlich hat er davon erfahren, als es zu spät war für eine Veränderung. Dann trugen ihn jene Charakter-Eigenschaften über alle Eingeständnisse hinweg, die ihm jetzt vorgeworfen werden und gleichzeitig anzurechnen sind: Zuerst Augen zu und durch, und als das nicht klappte, da mussten alle Reißleinen gezogen und die Konsequenzen getragen werden.

Noch sind die Folgen in aller Tiefe nicht abzusehen. Aber es gibt endlich Anzeichen in der öffentlichen Meinung für eine weniger Skandal-trächtige Berichterstattung für eine eher sachlich, als auch persönlich gefärbte Berichterstattung und Meinungsbildung. Tatsache ist, dass bei VW etliche Techniker und Manager über die Aufdeckung ihrer Methode der Software-Manipulation zur Verringerung der Stickoxide im Abgas für die Normprüfung und einer Steuerung für die leistungsfördernde Freigabe im Real-Betrieb längst informiert waren.

Ob und wie intensiv und wie ernsthaft der VW-Chef selbst und seine Top-Techniker Hackenberg, Hatz und Neußer informiert oder involviert waren, das weiß (noch) niemand außerhalb dieses Zirkels der Verschworenen. Die Leistung von Winterkorn jedoch, sein persönlicher Einsatz und seine Identifikation mit der Aufgabe werden trotz seiner durchaus angemessenen Entlohnung über die Abgas-Krise hinausreichen.

VW gehört nicht zu den profitabelsten Herstellern, aber zu jenen, die mit ihren Produkten tief in den Welten der Kunden rund um den Globus verwurzelt sind. Und mit Martin Winterkorn an der Spitze wurde auf dem unvollendeten Weg zum weltgrößten Autohersteller ein Konzern als Beispiel für Integration und Zusammenarbeit geschaffen, wie es in anderen Unternehmen nicht funktioniert hatte. Mit dem Abschied Winterkorns endet wohl auch eine Führungsform, die auf ihn zugeschnitten war, sich aus ihm und mit ihm entwickelte. Winterkorn war an Ergebnissen interessiert und diese forderte er von seiner Mannschaft. Sie lieferte diese Ergebnisse und hielt wohl dicht, wenn es um die Wege dorthin ging.

Die Lehren aus der VW-Krise sind vielfältig. Für die Messung der Abgas-Bestandteile müssen realistisch zu erfüllende Vorgaben her. Niemand darf sich zur Manipulation wegen unrealistischer Vorgaben gezwungen sehen. Diese Messungen müssen raus aus dem Labor und rein in den realen Straßenverkehr. Aber es geht nicht nur um Autos, sondern auch um die Kultur des Verarbeitens von Fehlverhalten.

In den Vereinigten Staaten sollten die verantwortlichen Politiker darüber nachdenken, wie sie künftig automobile Defekte zu ahnden haben: Sind Abgasfehler schärfer zu bewerten als platzende Reifen und tödliche Technik-Desaster? Und welchen realistischen Wert haben denn Untersuchungsausschüsse, in denen Auskunft gebende Manager von amerikanischen Politiker-Figuren nur gedemütigt werden?

Martin Winterkorn kehrt dem gesamten VW-Konzern Schritt für Schritt den Rücken. Verlassen wird er ihn in seinem Inneren niemals.

Wolfgang Peters

Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto NEWS wurde von Wolfgang Peters (vm) am 19.10.2015, 17:22 Uhr veröffentlicht.