Peter Weißenberg/SP-X - 20. Februar 2015, 11:11 Uhr - 4x4 Allrad NEWS
Panorama: Mercedes-IT aus Indien - Bangalore wirft die Heizung an
Von der über Kundenbindungs- App über Crashtests bis zum Datacenter: rund ums Auto fällt immer mehr Arbeit für IT-Spezialisten an. Die findet nicht nur Mercedes vermehrt in Indien.
Denn solche möglichen Daten-Hänger sind eine Paradeaufgabe für Bhargav Ram: Die 60 Experten seiner ,,network security" arbeiten in Indien im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr - und helfen bei möglichen Software-Fehlern, ,,noch ehe der Kunde das merkt", so Manager Ram. Bis zu 30.000 kritische Fälle löst seine schnelle Eingreiftruppe Monat für Monat weltweit, die meisten in Minuten; vom hakenden Computerprogramm in der Produktion bis zum Fehler bei der Datenverarbeitung im Verkaufstool.
Die Software-Samariter sind Teil eines mehr als 2000 Mitarbeiter großen Teams, das Mercedes in seiner Forschungs- und Entwicklungs-Tochter im südlichen Indien beschäftigt. ,,Bis zum Jahresende werden noch tausend Kollegen dazukommen", so der Chef der indischen Forscher Manu Saale. Software-Spezialisten und Ingenieure leben in großer Zahl vor Ort: Jedes Jahr gibt es unter den 1,2 Milliarden Indern allein 750.000, die ein Ingenieur-Studium abschließen - und eine Million Software-Experten. Die Universitäten allein im Großraum Bangalore entsenden Jahr für Jahr viele Tausend Absolventen dieser Fächer ins Silicon Valley Indiens.
Doch die sind heiß begehrt: Daimler, SAP, Intel, IBM, Conti, GM, Qualcomm ... im Süden der Millionenstadt lassen praktisch alle großen Konzerne der Welt ihre Informationstechnologie (IT) aufpeppen. Auch Autofirmen haben erkannt, dass ihre Produkte dadurch besser werden - und wegen des weit geringeren Lohnniveaus als in der Heimat natürlich auch noch recht kostengünstig. Daimler investiert darum in großem Stil in die besten Köpfe von Bangalore.
Die Rechenkünstler beweisen dabei viel Fantasie: In der Abteilung von Satheeskaran Navaratnam etwa beschäftigen sich Dutzende Mitarbeiter damit, wie die Windschutzscheiben in den nächsten Mercedes-Modellen noch schneller und gründlicher vom Eis befreit werden können. Die indischen Experten berechnen am Computer Luftströme, Schneefall, Eisregen, Griesel ,,obwohl manche von ihnen noch nie Schnee gesehen haben", so Navaratnam.
An anderen Ecken in den zwei sechsstöckigen Gebäuden werden die Innenraumgestaltungen von Mercedes-Modellen verbessert, die es in Indien gar nicht zu kaufen gibt - oder Hunderte A- C- oder S-Klassen in Crashtest nach den verschiedensten Normen der Aufsichtsbehörden dieser Welt gegen Barrieren gefahren. Alles virtuell im Hochleistungscomputer, alles mit den genauen Daten von Blechen, Schrauben, Nieten oder Streben.
Wenn die Software-Hexer einen besseren Vorschlag für noch solidere Bauweise berechnet haben, geht die Idee in die Stuttgarter Zentrale. Und meist in Produktion, nachdem reale Crashs die Berechnungen der Inder bestätigen. Was fast immer der Fall ist. Mehr als 100 Patente haben die Mercedes-Fachleute in Bangalore allein 2014 angemeldet. Â
Know-how und ungeheure Arbeitskraft: Es ist dieses ,,indische Phänomen", das Daimler nach Bangalore gelockt hat, so IT-Chef Michael Gorriz. Sein Team dort hat ein Durchschnittsalter von 29 Jahren - und jeder spricht meist vier Sprachen, darunter stets englisch. Und immer öfter auch deutsch: Vor der Arbeit noch täglich vier Stunden die Sprache büffeln? Ganz normal für Indiens Aufsteiger.
Es locken schließlich viele neue Aufgaben für die Kunden der Welt: die im Unternehmen, wo etwa gerade die Finanz-Software weltweit unter indischer Leitung vereinheitlicht und verbessert wird. Oder die der Endkunden, der Smart- und Mercedes-Fahrer also. Für die entwickeln die Inder bessere Multimediasysteme im Auto oder neue Apps, mit denen sich das Smartphone vom Lenkrad aus fernsteuern lässt.
Wie kreativ die Köpfe sind, das konnten 101 von ihnen erst vor wenigen Tagen beweisen. Die Daimler-IT hatte dazu einen sogenannten ,,Hackathon" ausgerufen: Drei Dutzend Teams hatten 24 Stunden Zeit, um eine neue Idee für ein Software-Produkt auszuarbeiten. Aber indische Experten belassen es nicht dabei, eine schicke Präsentation zu basteln.
So zeigen die meisten Teams am Ende des Kreativ-Marathons bereits fertig programmierte Apps. Mit denen wird zum Beispiel ein Nutzer vorinformiert, wann und wo sein Bus bereit stehen wird, um ihn mitzunehmen. Oder die Fahrweise kann per GPS aufgezeichnet und analysiert werden. Heraus kommen gezielte Spritsparempfehlungen auf dem Weg zur Arbeit. Und für Hektiker hat ein Team gleich einen Sitz mit Sensoren entwickelt, der Herzfrequenz, Puls oder Körperwärme misst - und den Fahrer rechtzeitig zur Entschleunigung auffordert.
,,Nicht alles werden wir gleich umsetzen", so CIO Gorriz. Aber es gehe mit solchen Aktionen ja auch darum, den IT-Experten in Indien zu zeigen, dass Mercedes nicht mehr nur eine uralte Firma von Auto-Technikern sei - sondern dass die jungen Software-Spezialisten auch dort eine große Zukunft haben können; ,,und nicht nur bei Google oder Apple".
Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto NEWS wurde von Peter Weißenberg/SP-X am 20.02.2015, 11:11 Uhr veröffentlicht.
