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Holger Holzer/SP-X - 30. Dezember 2014, 10:53 Uhr - 4x4 Allrad NEWS

Autos und die Haute Cuisine - Gummi für Gourmets

Denkt man an ,,Auto' und ,,Essen', kommen einem meist überlagerte Wiener von der Autobahntankstelle oder labberige Burger aus dem Drive-In in den Sinn. Eigentlich aber müsste man an die globale Gourmetküche denken - denn ohne das Auto würde es sie in ihrer heutigen Form wohl nicht geben. Und vielleicht gilt das sogar andersherum.


SP-X/Köln. Mit revolutionären Erfindungen ist es manchmal so eine Sache. Man ahnt, dass sie das Leben einer ganzen Gesellschaft verändern können, weiß aber noch nicht so recht etwas mit ihnen anzufangen. Das Internet ist so ein Beispiel - noch 1993 glaubte sogar Bill Gates, der Hype werde sich schnell legen. Auch dem Auto sagte zu Beginn des 20. Jahrhunderts längst nicht jeder eine große Zukunft voraus. Denn die Erfindung warf zunächst eine nicht ganz unwichtige Frage auf: Wohin sollte man fahren?

Die Straßen waren mies und kaum ausgeschildert, Tankstellen gab es keine und genug Platz zum Schlafen boten die meist offenen Tuckerkisten auch nicht. So blieb für den Automobilisten der Frühzeit eigentlich nur die sonntägliche Spritztour - etwa zum Picknick - als sinnvolle fahrerische Betätigung.

Nicht nur die Autohersteller erkannten, dass das den Siegeszug ihrer Konstruktionen bremsen könnte. Auch André und Edouard Michelin waren besorgt - die Brüder hatten 1889 im zentralfranzösischen Clermont-Ferrand eine Reifenfabrik gegründet und sich großartige Geschäfte mit dem sogenannten ,,Automobil" versprochen. Doch wer wenig fährt, braucht selten neue Reifen. Und allein von der Erstausrüstung der damals kaum mehr als 2.000 Autos in Frankreich ließ es sich kaum leben. Das Auto musste also vom Gelegenheitsspielzeug der Reichen zum ernsthaften Reisefahrzeug werden.

Die Michelins gaben also einen kostenlosen Reiseführer heraus, um die Automobilisten zum Reifenverschleiß zu bewegen. Das erste Exemplar erschien 1900 und listete Werkstätten und nicht zuletzt Kraftstoffdepots und Batterieladestationen auf - denn damals waren noch zahlreiche Autos mit Elektromotoren unterwegs. Mit dem Heftchen ließen sich endlich auch Reisen in unbekannte Regionen planen - die Michelin-Führer wurden den Brüdern aus den Händen gerissen. Schon 1904 erschien auch im Nachbarland Belgien eine Ausgabe, 1910 eine in deutscher Sprache.

Die Firma Michelin wuchs - und mit ihm der Reiseführer. 1920 schon war er so beliebt, dass er nicht mehr verschenkt, sondern für sieben Francs verkauft wurde. Im Gegenzug gab es mehr Inhalt - und ab 1923 erstmals die heute bekannten Restaurant- und Hotelempfehlungen. Weitere drei Jahre später wurden erstmals zwei und drei Sterne für besonders herausragende Leistungen am Herd vergeben. Heute ist das Bewertungssystem europaweit anerkannt. ,,Drei Sterne" ist im allgemeinen Sprachgebrauch ein Synonym für Spitzenqualität, Köche schmücken sich offensiv mit den stilisierten Himmelskörpern - der ein oder andere soll sogar schon zusammengebrochen sein, als er einen der Sterne wieder hat abgeben müssen.

Michelin war aber nicht das einzige Unternehmen, das die natürliche Verbindung von Auto und Essen nutzen wollte. 1957 startete die Varta Accumulatoren-Fabrik eine deutsche Version des Gourmet-Führers - die Firma wollte damit nicht zuletzt Werbung für ihre Starter-Batterien machen - damals ein Ersatzteil mit hohem Verschleiß, das häufig erneuert werden musste. Auch der Mineralölkonzern Aral legte Anfang der 70er-Jahre in Deutschland einen Reiseführer für Genießer, den Aral-Schlemmeratlas, auf.

Die regelmäßig erscheinenden Bände vertieften die Symbiose von Mobilitätsindustrie und Spitzengastronomie weiter. Der automobile Aspekt ist heute bei allen drei Führern aber in den Hintergrund gerückt - gab es etwa in den ersten Michelin-Bänden noch Tipps für den Umgang mit Motor und Reifen, spart man sich heute alles, was an schmierige Hände und nach Benzin riechende Klamotten erinnern könnte.

Einen kleinen Rest der Historie gibt es aber immer noch im Guide Michelin. Zur Bedeutung der Drei-Sterne-Bewertung steht in der deutschen Ausgabe: ,,Eine der besten Küchen - eine Reise wert." Mit der Eisenbahn oder dem klapprigen Pferdefuhrwerk würden diese aber wohl nur wenige Gourmets wagen.

Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto NEWS wurde von Holger Holzer/SP-X am 30.12.2014, 10:53 Uhr veröffentlicht.