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Wolfram Nickel/SP-X - 24. November 2014, 10:29 Uhr - 4x4 Allrad NEWS

Tradition: 70 Jahre Volvo PV 444/544 ,,Buckel-Volvo" - Bucklige Schönheiten und schnelle Bestseller

Schlichte Formen schön gestalten ist eine schwedische Spezialität. Sogar ein Buckel ist bei den Skandinaviern begehrenswert. Wie so etwas funktioniert, demonstrierte der Volvo PV 444 als erstes nordeuropäisches Volksauto mit weltweitem Erfolg. Seine buckligen Fastbacklinien schrieben dabei ebenso Geschichte wie seine sichere und fast unzerstörbare Technik

Er war der ewige Volvo, der auch nach über 20 Dienstjahren nicht entscheidend an Beliebtheit verlor. Erst schenkte der noch während des Zweiten Weltkriegs vorgestellte bucklige Zweitürer den Schweden bezahlbare Automobilität, dann wurden die Typen PV 444 und 544 weltweite Botschafter für skandinavische Lebensart. Kein Kontinent, auf dem die Fastbacklimousinen nicht für Furore gesorgt hatten durch ihre sichere und langlebige Konstruktion, aber auch als überraschend schnelle Racer bei Rallyes- und Rundstreckenrennen. Was Volvo im Herbst 1965 schließlich doch nicht davon abhielt, den in Schweden und Kanada gebauten, altgedienten Buckel sterben zu lassen.

Immerhin versuchte Volvo den gewaltsamen Tod seines Volkshelden allen Fans als wirtschaftliche Verzweiflungstat zu vermitteln. ,,Es wurde unmöglich den PV 544 weiterzuproduzieren, ohne dass wir unsere Hemden verloren hätten", entschuldigte sich der schwedische Hersteller deshalb in großformatigen Anzeigen. Überschrieben waren diese mit den wehmütigen Worten ,,Farewell, old friend".

Tatsächlich kam der Produktionstopp für die finale Version des PV 544 sogar für manche Mitarbeiter plötzlich. War dieser skandinavische Volkswagen doch noch wenige Wochen zuvor als Einstiegsmodell für das Volvo-Programm 1966 beworben worden und kursierten doch bereits Entwürfe für die Faceliftvariante PV 644. Nicht zu vergessen der gerade frisch erkämpfte, sensationelle Sieg bei der East African Safari Rallye, bei der ein von den indischen Brüdern Joginder und Jaswant Singh gelenkter Volvo PV 544 trotz traditioneller Technik die gesamte Konkurrenz moderner Supercars deklassierte. Was dem deutschen Volkswagen Käfer allenfalls als fiktiver Filmheld ,,Herbie" gelang, schaffte der konstruktiv kaum jüngere ,,Buckel-Volvo" im realen Leben als sportlicher Überflieger. Unwirtschaftlich konnte die Produktion der 21 Jahre alten PV-Typen nach Ansicht von Analysten nicht geworden sein. Vermutlich hatte die Einstellung dieses ersten Volvo-Massenmodells viel banalere Gründe. So konnte der bereits 1956 eingeführte, designierte Nachfolger und dann parallel produzierte Amazon seinen buckligen Verwandten nie wirklich ersetzen und jetzt stand mit der 140er Serie bereits die nächste Volvo-Mittelklasse unmittelbar vor der Markteinführung. Die natürlich ebenfalls Platz in den Produktionshallen benötigte.

So erhielt die Baureihe PV 444/544 am 20. Oktober 1965 eine große Abschiedsparty, als das 440.000ste Fahrzeug in schwarzem Sonderlack vom Band direkt ins Museum gefahren wurde. Am Steuer dieses allerletzten PV 544 Sport saß Testfahrer Nils Wickström, der schon 1947 beim Großserienstart des ersten PV 444 beteiligt war. Auch alle anderen Mitglieder der ,,Buckel-Belegschaft" wurden von Volvo bei der Verabschiedung des PV bedacht. Etwa durch eine Verlosung der finalen 26 Volvo PV 544, die dann ihre glücklichen Gewinner teilweise noch über drei Jahrzehnte im harten Alltagseinsatz begleiteten. Schließlich war die konkurrenzlos lange Lebenserwartung einzigartiges Kennzeichen des ersten Massenmodells aus Göteborg, das in dieser Disziplin sogar den Wolfsburger Volkswagen übertraf. Mit 100.000 Meilen (160.000 Kilometer) erreichten die Volvo PV (= Personvagn, deutsch: Personenwagen) angeblich erst den Zenit ihrer Leistungsfähigkeit, während die Volumenmodelle vieler anderer Marken dann bereits die vierte reguläre Motorenrevision absolvierten.

Sogar die leistungshungrigen und modebewussten Amerikaner verfielen dem verblüffend schnellen und verlässlichen Volvo auf Anhieb, als der PV 444 im Jahr 1955 den großen Sprung über den Atlantik wagte. Dabei war das schwedische ,,Sports Car in Family Style" damals eigentlich optisch bereits hoffnungslos veraltet. Orientierten sich die Fastbacktypen laut Volvo Werbung doch am Design-Vorbild amerikanischer Ford des Modelljahres 1941. Dies konnten die Nordeuropäer jedoch geschickt kompensieren durch modellpolitische Kontinuität, die sich den damals noch jährlich wechselnden automobile Moden widersetzte.

Hinzu kamen sportliche Hochleistungsmotoren - laut Werbung bot der PV 444 mit 63 kW/85 PS mehr PS pro Kubikzentimeter als sämtliche großvolumigen amerikanischen Power-Limousinen. Nicht zu vergessen die in den 1950er Jahren wichtige Eignung als Familienauto in der Woche und zuverlässiger Rundkurs-Racer fürs Weekend, der auch Porsche und MG zusetzen konnte. Und für den Glamour von Hollywoodboulevard oder Fifth Avenue gab es den bis dahin eher profanen PV 444 auch als gestyltes und üppig verchromtes California Car in strahlend weißem Lack und mit fein abgesetztem Interieur in sonnengelb und schwarz. Eine Ausstattung, die den Buckel auch in Europa zum Showstar machte, der so nun noch mehr Concours d'Elegance gewann. Nie konnte ein buckliger Rücken mehr verzücken.

Eigentlich ein Wunder, schließlich ernteten Ford (Taunus) und andere Fahrzeugmarken mit buckligen Fastbackformen schon Ende der 1940er Jahre Spott für derart überlebtes Vorkriegsdesign. Und auch der Volvo PV 444 wurde bei seiner Weltpremiere 1944 in den königlichen Tennishallen von Stockholm nicht wegen seines Karosseriekleids bejubelt, sondern vor allem ob seiner Erschwinglichkeit und als automobiler Friedensbotschafter für die kommenden Jahre ohne Krieg und Mangel. Tatsächlich verzögerte jedoch ausgerechnet die Rohstoffknappheit den Serienstart des Volvo bis 1947 - parallel zum Debüt eines noch kompakteren schwedischen Massenmodells, des Saab 92 mit Zweitaktmotor und Stromlinienform.

Aber weit mehr als für den kleinen Saab begeisterten sich die autohungrigen Schweden für den stattlicher wirkenden Volvo mit wegweisender vorderer Einzelradaufhängung und selbsttragender Karosserie im amerikanischen Aero-Design. Damit nicht genug: Mit modisch-schicker Zweifarbenlackierung konnte sich ab 1953 zusätzlich der Kombi Volvo PV 445 Duett für Freizeit und Familie in Szene setzen. Das mit einem riesigen Laderaum, wie ihn Handwerker und Speditionen benötigten und mit in seiner Klasse konkurrenzlos großer Zuladung. Der auf dem PV 444 basierende Duett bewältigte problemlos Lasten von bis zu einer Tonne, auch wenn die offizielle Höchstzuladung weit darunter lag. Ebenso wie bei der Limousine überstieg die Nachfrage nach dem praktischen Schweden anfangs die Produktionskapazitäten um ein Vielfaches mit der Folge langer Lieferzeiten.

So brachen die bezahlbaren Buckel und Duett alle bestehenden Volvo-Verkaufsrekorde und wurden einschließlich der 1958 beziehungsweise 1960 vorgestellten, vorsichtig modernisierten Weiterentwicklungen PV 544 und P 210 in insgesamt 541.000 Einheiten produziert. Dazu beigetragen haben sogar Sicherheitsinnovationen - obwohl diese sonst seltsamerweise eher kein Verkaufsargument waren in jenen Nachkriegsjahren mit noch unfassbar vielen Unfällen mit Todesopfern. Jedenfalls präsentierte sich der Volvo PV 444 als erster Schwede mit einer  Sicherheitsfahrgastzelle und sogar Dreipunkt-Sicherheitsgurte waren ab 1959 Standard. Ein Volksheld will sein Volk ja auch beschützen.

Modellhistorie Volvo PV 444/544:

Chronik:
1942: Entwicklungsstart für einen kleinen Volvo als Nachkriegsauto
1943: Ende des Jahres wird die Konzeption des PV 444 endgültig festgelegt. Das Entwicklungsteam umfasst zunächst 40 Mitarbeiter, Helmer Petterson wird als Berater verpflichtet. Volvo kaufte einen Hanomag von 1939, um die technische Konzeption einer selbsttragenden Karosserie zu untersuchen
1944: Volvo präsentiert am 1. September den PV 444 als erstes erschwingliches Fahrzeug aus schwedischer Produktion auf einer Automobilausstellung in Stockholm
1945: Die Volvo-Kundenzeitschrift ,,Ratten" erläutert den Hintergrund des Typencodes 444: 4 Sitze, 40 PS und 4-Zylinder-Motorfahrzeug
1947: Die Auslieferung des ersten Volvo PV 444 erfolgt am 3. Februar; insgesamt liegen Volvo für dieses Modell bereits 10.000 Bestellungen vor
1949: Serienanlauf des PV 445 als Fahrgestell mit Motor, aber ohne Karosserie. Das Chassis wird von verschiedenen Karosseriebauern als Basis für Transporter, Kastenwagen und Cabriolets genutzt
1950: Im September geht der facegeliftete PV 444 B an den Start. Dies mit neuem Cockpit, anderen Stoßfängern und markantem Fahrtrichtungsanzeiger auf dem Dach, den sogenannten ,,Dachkuckuck" (schwed: takgök), der jedoch schwer zu erkennen war und die Montage von damals populären Dachgepäckträgern erschwerte
1951: Dank des Modells PV 444 führt Volvo die schwedische Neuzulassungsstatistik vor Volkswagen an. Von Juni 1951 bis zum Juli des Folgejahres wird der minimal modifizierte PV 444 C gebaut
1952: Volvo-Mitgründer und -Chef Assar Gabrielsson konstatiert einen Lagerbestand von 1.500 ungenutzten und nicht verkauften Fahrgestellen des PV 445. Für ihn Anlass, sein Entwicklungsteam mit der Konstruktion eines Kombis zu beauftragen. Am 2. Mai beginnt Entwicklungschef Erik Skoog mit der Designkonzeption. Nach einem Modell im Maßstab 1:25 baut Skoog ein Concept in Orginalgröße. Das Exterieurdesign und die Technik werden noch im Sommer freigegeben, das Interieur im November. Von August 1952 bis November 1953 wird der PV 444 D produziert, jetzt mit seitlichen Blinkleuchten statt Kuckuck. Optional Metalliclackierung und Heizung  1953: Am 4. Juli übernimmt Assar Gabrielsson das erste Serienfahrzeug des Volvo Duett. Der Name wurde von Werbechef Sven Sundberg konzipiert und weist auf die Doppelfunktion des Volvo hin als Arbeitsgerät und Freizeitfahrzeug. Der erste Duett war ein ein Kombi 445 DH, gefolgt an 20. November vom 445 DS, einem Lieferwagen. Die Limousine PV 444 E (Dezember 1953 bis November 1954) ist serienmäßig mit Heizung ausgestattet und die letzte Serie mit geteilter Heckscheibe. Im Kaufpreis inkludiert war eine fünfjährige Garantie, auch für Unfallschäden am Fahrzeug, ähnlich einer Kaskoversicherung
1954: Im Dezember Einführung des PV 444 H mit einteiliger Heckscheibe, neuen Rückleuchten und höherer Motorleistung. Zum Modelljahr 1955 beginnt offiziell der US-Export von Volvo-Fahrzeugen
1955: Im Sommer Serienstart des Duett 445 PH, eines Kombis mit gehobener Ausstattung. Ende des Jahres Einführung des PV 444 K mit neuem Frontdesign. Verbrauchs-Rekordfahrt mit einem PV 444 in Kalifornien. Beim ,,Frugality-Run" begnügte sich der Volvo mit 4,28 Liter pro 100 Kilometer
1957: Eine optionale dritte Sitzbank macht den Duett zum Siebensitzer. Die Limousine entwickelt sich zum PV 444 L mit größerem B16A-Motor; für den Export steht der B16B-Motor im Angebot mit Doppelvergaser. Optional gibt es Sicherheitsgurte für den PV 444 L
1958: Gunnar Andersson gewinnt die Rallye-Europameisterschaft auf PV 444 L. Mit dem Modell Volvo PV 444 wurde Volvo ein weltweit erfolgreicher Großserienhersteller. Waren bis dahin maximal 2.000 Einheiten von einer Modellreihe gebaut worden, wurden vom Volvo PV 444 bis 1958 insgesamt 195.959 Fahrzeuge ausgeliefert. Nachfolger wird die Weiterentwicklung Volvo PV 544, vorgestellt am 25. August
1959: Serienmäßig Dreipunkt-Sicherheitsgurte für die Vordersitze
1960: Im Sommer mutiert die Baureihe Duett PV 445 zum Duett P 210, so wie der Basis-Pkw PV 444 zum PV 544 weiterentwickelt wurde
1961: Ab August mit neuem B18-Motor und Leistungswerten zwischen 75-SAE-PS und 90 SAE-PS im Volvo PV 544 C. Außerdem 12-Volt-Anlage statt der bisherigen 6-Volt-Technik
1962: Neuer B-18-Motor lässt den Duett auf 60 PS erstarken. Markteinführung des Amazon Kombi als designierter Nachfolger
1963: Volvo startet die Produktion des PV 544 im neuen kanadischen Werk Dartmout/Halifax, des ersten internationalen Volvo-Werks. Einführung der Serie PV 544 E
1964: Betont sportiv gibt sich der Volvo PV 544 F, der ab August ausgeliefert wird
1965: Bis zu 95-SAE-PS entwickelt der im August eingeführte PV 544 G. Im Oktober endet die Fertigung des Volvo PV 544. Der letzte, 440.000ste Buckel-Volvo rollt am 20. Oktober um 15:00 Uhr vom Band ins Museum. Die vorletzten 26 Buckel-Volvo werden verlost unter der Volvo Belegschaft bzw. Mitarbeiter von Zulieferern. Einige der Gewinner fahren ihre ebenfalls am 20. Oktober feierlich übergebenen Fahrzeuge rund 30 Jahre im Alltagseinsatz   
1967: Markteinführung des Volvo 145, der sowohl Amazon Kombi als auch Duett ersetzen soll
1969: Der Amazon Kombi läuft aus. Aber auch die Produktion des Duett P 210 wird am 19. Februar eingestellt, da der Duett die schwedischen Sicherheitsauflagen für Neuzulassungen nicht mehr erfüllt. Die letzten Einheiten wurden deshalb noch als Modelljahr 1968 deklariert
Ausgewählte Produktionszahlen:
Volvo PV 444 (1947 bis 1958) insgesamt 195.959 Einheiten.
Volvo PV 444 und PV 544 (1947 bis 1965) insgesamt 440.000 Einheiten.
Volvo Duett (1949-1969) insgesamt 101.492 Einheiten,
davon 55.508 Volvo P 210, 41 790 Volvo PV 445, zuzüglich Sonderkarosserien.
Wichtige Motorisierungen:
Volvo PV 444 (1947-1958) mit 1,4-Liter- bzw. 1,6-Liter-(29 kW/40 PS bis 63 kW/85 PS)-Vierzylinder-Benziner.
Volvo PV 544 (1947-1958) mit 1,6-Liter-(44 kW/60 PS bis 63 kW/85 PS)-Vierzylinder-Benziner bzw. mit 1,8-Liter-(55 kW/75 PS bis 70 kW/95 PS)-Vierzylinder-Benziner.
Volvo Duett PV 445: 1,4-Liter-(32 kW/44 PS bzw. 38 kW/51 PS)-Vierzylinder-Benziner bzw. 1,6-Liter-(44 kW/60 PS)-Vierzylinder-Benziner-
Volvo Duett P 210: 1,6-Liter-(44 kW/60 PS)-Vierzylinder-Benziner bzw. 1,8-Liter-(50 kW/68 PS)-Vierzylinder-Benziner.

Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto NEWS wurde von Wolfram Nickel/SP-X am 24.11.2014, 10:29 Uhr veröffentlicht.