Wolfgang Tschakert (vm) - 18. September 2014, 11:26 Uhr - 4x4 Allrad NEWS
IAA Nutzfahrzeuge 2014: Großes Stühlerücken bei den Transportern
Auf dem Markt für Transporter in Europa gibt es im laufenden Jahr eine Menge Bewegung.
Der Internet-Handel boomt wie nie. Die Konsumenten bestellen immer mehr Waren frei Haus und erwarten die Lieferung möglichst sofort. Da braucht es schnelle und wendige Transportfahrzeuge, die mit maximaler Zuladung und minimalen Kosten glänzen. Möglichst sollen sie mit dem normalen Pkw-Führerschein gefahren werden dürfen, was das zulässige Gesamtgewicht auf 3,5 Tonnen limitiert. Seit Jahren schon sonnen sich der VW-Transporter (T5) und der Sprinter von Mercedes-Benz in der Gunst der Kunden. Erhebliche Stückzahlen werden auch bei Ford (Transit) und Fiat (Ducato) bestellt. In diesem IAA-Jahr sieht man zahlreiche neue Gesichter, einige Hersteller bringen ihre neuen Modelle jetzt, andere schon bald in Stellung. Manche der Fahrzeuge gleichen sich wie Zwillinge, nirgendwo sonst in der Automobilindustrie wird so intensiv zusammengearbeitet.
Rundum erneuert präsentiert Ford seine Transit- und Tourneo-Baureihe. Mit dem kleinen Stadtlieferwagen Courier ebbt die Erneuerungswelle nun ab, denn damit ist das Transporter-Programm von Ford komplett. Statt früher zwei Modelle führen die Kölner nun vier ins Feld, vom Courier über den Connect und Custom bis zum großen Transit. Allesamt sind eigene Entwicklungen. Das Nutzlastangebot reicht von 500 Kilogramm bis zwei Tonnen, neue Euro 6-Motoren sollen bis 2016 eingeführt werden. Bis dahin möchte der ambitionierte Hersteller allein in Europa 500 000 leichte Nutzfahrzeuge jährlich verkaufen.
Der Nutzfahrzeug-Riese Mercedes-Benz hält mit dem Bestseller Sprinter und seinem neuen Vito dagegen. Die gewerbliche Version der Großraum-Limousine V-Klasse, ein Transporter oder Kombi mit einem Gesamtgewicht bis zu 3,2 Tonnen, geizt zwar etwas mit dem Ladevolumen, punktet aber jetzt mit der gebotenen Nutzlast, vor allem mit dem kleinen 1,6-Liter-Diesel und Frontantrieb. Der Antriebsstrang stammt aus gemeinschaftlicher Entwicklung mit Renault. Gefertigt wird der Vito im spanischen Vitoria, die Sprinter stammen aus Deutschland, der Stadtlieferwagen Citan ist ein Renault Kangoo-Derivat. In Sachen Sicherheit lässt die Marke mit dem Stern nichts auf ihre Transporter kommen. Kein anderer Hersteller bietet seinen Transporter-Fahrern so viel Schutz, daran wird sich auch so schnell nichts ändern.
Renault und Opel fahren bei den Transportern im Gleichschritt. Für die großen Modelle Master und Movano gab es ein Update. Und erst jüngst machten die beiden Marken mit ihren neuen Trafics und Vivaros von sich reden. Ungeachtet der Zusammenarbeit von Renault mit Mercedes-Benz wurde auch die Zusammenarbeit der Franzosen mit Opel verlängert. Die Karosse haben die Designer eher behutsam retuschiert, eine maßvolle Verlängerung auf knapp fünf Meter bringt den Trafic/Vivaro auf 5,2 Kubikmeter Ladevolumen. Der eigentliche Knüller ist jedoch unter der Motorhaube zu finden. Dort sitzt ausnahmslos ein kleiner 1,6-Liter-Diesel, der in der stärksten Variante bis zu 103 kW/140 PS mobilisiert. Gefertigt wird getrennt: der Opel im britischen GM-Werk, der Renault bei Nissan in Spanien. Zum Duo wird wohl als dritte Marke Nissan dazu stoßen. Der Transporter wird wahrscheinlich NV 300 heißen.
Fiat und seine Partner Peugeot und Citroen gehen mit ihren Ducatos, Boxern und Jumpern als Trio ins Rennen. Alle drei haben ein Facelift plus eine umfangreiche Modellpflege erfahren. Sie sind die Volumen- und Nutzlast-Maximalisten ihrer Klasse. Nur bei den Motoren gehen sie getrennte Wege. Der stärkste Motor, ein Dreiliter-Diesel mit 130 kW/177 PS wird jedoch unisono genutzt. ESP ist obligatorisch für alle, aber weitere Assistenzsysteme sind für den modernisierten Großtransporter nicht zu haben. Als Auslaufmodell gilt der kleinere Scudo mit einer Tonne Nutzlast. Hier bedient sich Fiat künftig - anders als die PSA-Marken Citroen und Peugeot - bei Renault. Im Gegensatz zu Toyota, die ihren Hiace in Frankreich bei PSA fertigen lässt. Von dort soll es auch schon bald neue Jumpy- und Expert-Transporter geben.
Das Angebot aus Südeuropa ergänzt der Daily von Iveco, der nur als kleinste Ausgabe zu dieser Fahrzeugkategorie zählt. Nach unzähligen Überarbeitungen gibt jetzt ein brandneues Modell. Das trägt die Bezeichnung "New Daily" zu recht. Die Techniker haben 80 Prozent aller Teile erneuert. Der kleinste Iveco ist und bleibt ein Hecktriebler. Jetzt geht er mit neuer Karosse und neuem Fahrwerk an den Start. Der verbesserte cW-Wert soll für weniger Kraftstoffverbrauch sorgen, die abgesenkte Ladekante für eine einfachere Beladung. Die Motoren sind mehr oder weniger bekannt, zur IAA bekommt der Daily eine Achtgang-Automatik.
Wer die IAA Nutzfahrzeuge besucht, erlebt auch die Premiere des neuen Hyundai-Transporters H350. Der neue 3,5-Tonner basiert laut Hersteller auf einer flexiblen Plattform, die sowohl Kastenwagen-, Fahrgestell- und Kombivarianten erlaubt. Die Koreaner versprechen bis zu 1,4 Tonnen Nutzlast. Die hohen Anhängelasten bis 2,5 Tonnen lassen einen heckgetriebenen Großtransporter vermuten. Die neue Baureihe, die speziell für Europa entwickelt wurde, wird beim langjährigen Nutzfahrzeugpartner Karsan in der Türkei gebaut.
Nur beim Marktführer Volkswagen heißt es bezüglich Neuheiten noch "Fehlanzeige". Die Norddeutschen zeigen zur IAA ihre bewährten leichten Nutzfahrzeuge Caddy, Transporter und Crafter, die sich gut verkaufen, aber schon etwas in die Jahre gekommen sind. Doch schon im nächsten Jahr geht es mit Riesenschritten voran. Dann bekommt der Bestseller T5 seinen Transporter- und Multivan-Nachfolger T6, der wieder Maßstäbe setzen soll. Auch der Stadtlieferwagen Caddy wird noch im selben Jahr erneuert, er dient vermutlich als Plattform für den nächsten Skoda Roomster. Und so soll es weiter gehen: Im Herbst 2016 will VW Nutzfahrzeuge ein neues Werk in Polen eröffnen, dort soll der neue Großtransporter Crafter gefertigt werden. Damit steht auch fest, wann der neue Crafter seine Premiere feiert. Und damit nicht genug: Nach unten könnte der neue Stadtflitzer Load Up das VW-Transporterprogramm abrunden.
Der Trend der Messe ist klar: Der Internethandel und Dienstleistungen wie der 24-Stunden-Service zwingen zu einer immer kleinteiligeren Distribution - und die Transporteure zu kostengünstigen kleineren Fahrzeugen.
Wolfgang Tschakert
Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto NEWS wurde von Wolfgang Tschakert (vm) am 18.09.2014, 11:26 Uhr veröffentlicht.
