Michael von Klodt (vm) - 24. Juni 2014, 13:01 Uhr - 4x4 Allrad NEWS
Vor 50 Jahren: Opel baut den Tempel der Kreativität
Deutschland Anfang der 60er Jahre: Oldtimerhafte Nachkriegsmodelle, viele Käfer, ulkige Kleinwagen und Mittelklassewagen im Pontonlook prägen das Straßenbild.
Adieu Nachkriegsmuff - hallo, schöne neue Welt! Hinter verschlossenen Türen, so abgeschottet wie Fort Knox, so ein Zeitzeuge, arbeiten im Gebäude N10 Kreative an Studien, die aussehen wie Jets auf Rädern. Aus dem sogenannten Experimental GT wird in Windeseile der wunderschöne Opel GT, ganz im Stil der Corvette von Chevrolet. Und auch die ersten Großserienmodelle, die in Rüsselheim gestaltet wurden, zitieren Merkmale der populären Modelle anderer GM-Marken. Der Hüftschwung des Rekord C ist eine Reminiszenz an das Cokebottle-Design des Chevrolet Camaro. Und ja, heute wirken Rekord C, seine Edelvariante Commodore A wie etwas verkleinerte US-Modelle der Sixties. Und sind in Sammlerkreisen genau deshalb sehr begehrt.
Anfang der 70er Jahre folgte auf die Hüftschwung-Ära die Linie der neuen Klarheit und Sachlichkeit. Beispiel: das wunderbare Rekord D Coupé. Wie schwebend das Dach, getragen von dünnen Säulen. Riesige Glasflächen garantieren eine Rundumsicht wie in einem Weltraumglider aus einem Sciencefictionfilm. Keine Frage: Schick waren die Opel-Modelle schon zu Zeiten, als in Wolfsburg noch ziemlich komische Kröten auf die Räder gestellt wurden. Das gilt auch für den ersten und zweiten Manta. Trotz des zeitweilig etwas lädierten Images.
Als der große Mittelklasse-Opel nicht mehr Rekord, sondern fortan Omega hieß, wechselte die Formensprache von klaren Kanten zu Kurven. Mit dem Wechsel der Modellbezeichnungen, wie auch Kadett zu Astra, sollte Muff abgeschüttelt und der Aufbruch in eine neue Ära verkündet werden.
Immerhin durfte der Corsa weiterhin so heißen. Optisch haben die erste und die aktuelle Generation aber rein gar nichts miteinander zu tun und der früher kleinste Opel ist richtig gewachsen. Das Modell Adam spielt jetzt die Rolle des Benjamin im Opel-Programm. Ab der kommenden Corsa-Generation wird man aber zweimal hinsehen müssen, denn der Neue wirkt wie ein großer Adam. Und er hat neben dem charakteristischen "Gesicht" die Kniffe und Falten wie die seitliche "Sichel" im Blech, die heute alle Opel-Modelle leicht identifizierbar machen.
Opel macht's halt wie die meisten Wettbewerber: Erkennungsmerkmale für die Marke, verbunden mit individuellen Zügen, durch die besondere Charaktere der einzelnen Modelle zum Ausdruck kommen. Nach der Zeit der Rundungen und sanften Radien, befinden wir uns derzeit in der skulpturalen Phase. Zum Glück übertreiben die Rüsselsheimer Designer das nicht, so wie manche Wettbewerber, die das Blech der Karosserien bis an die Grenzen der Verformbarkeit strapazieren. Das tut nicht nur dem Material weh. Sondern auch dem Auge des Betrachters.
Dass die Opel-Kreativen meist richtig liegen, ist auch dem ganzheitlichen Ansatz ihrer Arbeitsweise geschuldet. Dazu zählt, dass Querdenker und Visionäre stets sagen sollten, was sie denken, aber auch, dass kein Kreativer allzu sehr abhebt und den späteren Kunden stets im Blick hat.
"Das ist die Krux unserer Arbeit", sagt Erhard Schnell, ehemaliger Opel-Designchef und Vater des legendären Opel GT. "Wenn sie dem Geschmack des Mainstreams nur einen kleinen Schritt voraus sind, bewegen Sie sich an der Grenze zur Langeweile. Gehen Sie mutig noch einen Schritt weiter, werden Sie für die meisten Menschen unerreichbar."
Michael von Klodt
Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto NEWS wurde von Michael von Klodt (vm) am 24.06.2014, 13:01 Uhr veröffentlicht.
