ALLRAD-NEWS

Wolfgang Tschakert (vm) - 16. Januar 2014, 10:30 Uhr - 4x4 Allrad NEWS

Ausblick: Schwere Lastkraftwagen - Geschlossene Gesellschaft

Auch 2014 bedienen nur sieben Automobil-Anbieter die Nachfrage nach schweren Lastkraftwagen in Europa.

Auch 2014 bedienen nur sieben Automobil-Anbieter die Nachfrage nach schweren Lastkraftwagen in Europa. Mit mehr als 52 000 hierzulande verkauften Lkw-Einheiten hat der Markt letztes Jahr für entspannte Gesichter gesorgt. Noch Mitte 2013 herrschte teils depressive Stimmung in der Lkw-Branche. Erst im zweiten Halbjahr zum Jahresende hin beschleunigte sich die Nachfrage nach Lkw. Viele Kunden wollten noch schnell das bewährte alte Modell haben. Denn mit Stichtag Jahresbeginn 2014 ist die Abgasnorm Euro 6 verpflichtend. Die neuen Motoren und Abgassysteme verlangen von den Betreibern erhebliche Mehrkosten, die bei der deutschen Autobahnmaut keine Berücksichtigung finden.

Schwere Lkw haben sich vom vierschrötigen Lastenträger von einst zum komfortablen Hightech-Gefährt entwickelt. Elektronische Systeme erleichtern das Fahren, Rechner gesteuerte Automatikgetriebe übernehmen die Schaltarbeit. Bei Daimler, Scania und Volvo greifen gar - Autopiloten gleich - vorausschauende Tempomaten ein, die mit topografischen Daten gefüttert werden. Die Räder müssen rollen, damit die Fracht pünktlich ihr Ziel erreicht - Jahresfahrleistungen 200.000 Kilometer werden nicht selten erreicht. Die durchschnittlichen Motorleistungen im Fernverkehr bewegen sich zwischen 400 PS und 480 PS. Für Wettbewerber aus Übersee gibt es keine Chance, denn die europäischen Lkw-Hersteller gelten mit ihrer überaus effizienten Produktions- und Antriebstechnologie als das Nonplusultra. Auch in Sachen Sicherheitselektronik, Dienstleistung- und Serviceangebot sind die Europäer klar führend. Analyse und Ausblick des Motor-Informations-Dienstes (mid):

DAIMLER: Die technologische Speerspitze bildet der Marktführer mit Stern, das war nicht immer so. Im vergangenen Jahr reklamierte Daimler mehr als ein Drittel (36,7 Prozent) für sich - bei Daimler Trucks stehen auch weiterhin die Zeichen auf Expansion. Die Auftragsbücher füllten sich antizyklisch, aber stetig. Der Hersteller hat in den vergangenen beiden Jahren mit großem Aufwand sein komplettes Produktportfolio erneuert. Rechtzeitig zur gesetzlichen Einführung der neuen Abgasnorm Euro 6 (Stichtag Jahresbeginn 2014) gingen brandneue Motorenbaureihen und neuentwickelte Lkw an den Start.

Ihr Herzstück, die neuen Dieselmotoren, verbrauchen weniger als ihre Euro 5-Vorgängergeneration und leisten mehr - wer hätte das noch vor wenigen Jahren gedacht? Vernetzte Elektronik kombiniert den Abstandsregeltempomaten mit GPS-Daten, der neue Actros kennt die befahrenen Strecken, gibt Gas und schaltet selbsttätig, wie es geschulte Fahrer nicht besser können. Ein Notbremsassistent ist sowieso an Bord, der auch vor stehenden Hindernissen bremst. Nur ein leichter Schatten fällt auf die neuen Actros & Co: Sie sind etwas schwer geraten.

MAN: Die klassische Nummer 2 in Deutschland reiht sich als Marke 12 im VW-Konzern ein, mit gut einem Viertel (25,6 Prozent) des Schwer-Lkw-Marktes, Tendenz leicht fallend. Die Münchner haben ihre TGX- und TGS-Modelle jetzt mit Euro 6-Motoren und leichten Retuschen aktualisiert. Wobei die verfügbare Motorleistung bereits bei 480 PS endet - wer mehr will oder braucht, geht zum Wettbewerb. Einen Notbremsassistenten, der im Gefahrenfall autonom bremsen kann, bieten jetzt auch die Münchner. Aber einen vorausschauenden Tempomaten gibt es nicht, auch die Getriebetechnik lässt letzte Finesse vermissen. Die Innengeräusche sind lauter als anderswo, auch in Sachen Kraftstoffeffizienz fällt der schwere MAN hinter anderen zurück. Das geringe Eigengewicht des schweren MAN kommt der Nutzlast zugute, TGS-Fahrzeuge gelten bei Flüssigkeits- und Silotransporten als Favorit. Ein neues Modell wird dringend gebraucht, die MAN-Entwickler arbeiten mit Hochdruck daran.

DAF: Als dritte Kraft im Land hat sich der niederländische Lkw-Hersteller etabliert. Konsequente Kundenorientierung ist das Geheimnis, um dauerhaft mehr als 10 Prozent (11,1) des Marktes für sich zu sichern. Zu den neuen Euro 6-Motoren wurden neue XF- und CF-Fahrzeuge serviert. Mit den neuen Modellen haben die DAF-Strategen größere Schritte gewagt. Zwar mit gleichen Kabinenrohbauten, aber neuem Interieur, verbesserten ZF-Getrieben wurde eine Ecoroll-Funktion verpasst.

SCANIA: Die zweite Lkw-Marke des VW-Konzerns belegt 2013 Platz 4 der Verkaufsrangliste. Mit mehr als 10 Prozent Marktanteil (10,2 Prozent), mit deutlichem Plus (+0,9 Prozent) gegenüber dem Vorjahresergebnis behaupten sich die Schweden in Deutschland. Eine klare Strategie bringt die Marke voran. Man spricht in Södertälje bereits von der zweiten Generation besonders drehmomentstarker Euro 6-Motoren, die in aerodynamisch optimierten Streamline-Lkw zum Einsatz kommen. Verfeinert wurden die automatisierten Getriebe, die jetzt mit einem vorausschauenden Tempomaten zusammenarbeiten. Eine Ecoroll-Funktion hilft, zusätzlich Kraftstoff zu sparen.

VOLVO: Ebenfalls ins Premium-Segment drängt die andere schwedische Marke. Und legt antizyklisch (+0,4 Prozent) zu, bleibt mit 9,6 Prozent Marktanteil dem Wettbewerb auf den Fersen. Rechtzeitig zur Euro 6-Legalisierung ging auch ein neuer schwerer Fernverkehrstruck an den Start, er heißt wie sein langjährig bewährter Vorgänger "FH" und wurde von einer Fachjury sofort zum "Truck of the Year 2014" gewählt. Maßstäbe sollen die neue Kabine, das neue Fahrwerk und viel elektronische Finesse setzen. Noch in diesem Jahr will Volvo neue Euro 6-Motoren präsentieren, die mehr Drehmoment bieten und deutlich sparsamer laufen sollen. Dazu ein automatisches Getriebe mit Doppelkupplung, um die Zugkraftverluste zu minimieren. Der weltweit stärkste Serientruck, der FH16 kommt ohnehin aus Göteborg - er geht noch in diesem Jahr mit gewaltigen aber Euro 6-sauberen 750 PS und 3 550 Newtonmetern Drehmoment aus 16 Litern Hubraum an den Start.

IVECO: Rang 6 belegt der italienische Lkw-Hersteller, der gerade in die Bau- und Landmaschinenholding CNH integriert wurde. Statt in Ulm werden alle schweren Stralis- und Trakker-Modelle von Iveco jetzt in Madrid gefertigt. Technologisch gehen die Motorenlieferanten von FPT (Fiat Powertrain) eigene Wege. Sie verzichten auf die sonst übliche Abgasrückführung, die mit einer kühleren Verbrennung weniger Stickoxide anfallen lässt, aber größere Kühlkapazitäten erfordert. SCR pur (selektive katalytische Reduktion) heißt das Rezept, um den Kraftstoffverbrauch zu senken. Selbst auf einen geschlossenen Partikelfilter wollen die Italiener verzichten. Motorleistungen bis zu 560 PS stehen im Angebot.

RENAULT TRUCKS: Die rote Laterne bleibt traditionell dem französischen Anbieter. Zuletzt musste er noch satte 1,2 Prozent Marktanteil abgeben, 2013 kommt der zur Volvo-Gruppe gehörige Lkw-Hersteller nur noch auf 1,8 Prozent Marktanteil. Was auch nicht verwundert: das gesamte Produktportfolio wurde auf einen Schlag erneuert, vom schweren Fernverkehrstruck bis zum leichten Verteiler-Lkw. Jetzt gibt es neue Trucks mit neuen Motoren, das durchaus attraktive Angebot aus Frankreich hebt sich teils deutlich von den Konzernkollegen aus Schweden ab. Wenn dann noch Vertrieb und Service der Marke die Fortschritte erzielen, die der organisatorische Umbau in Deutschland verspricht, sollten die Franzosen näher an den Wettbewerb rücken.

Wolfgang Tschakert

Dieser Artikel aus der Kategorie 4x4 Allrad Auto NEWS wurde von Wolfgang Tschakert (vm) am 16.01.2014, 10:30 Uhr veröffentlicht.